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“Mentale Stärke” ist ein mystischer Begriff. Ähnlich wie beim Begriff “Talent” ist mentale Stärke für viele eine naturgegebene Sache – entweder man ist mental stark oder nicht. Und wenn nicht, dann hat man eben Pech gehabt und wird nie so viel gewinnen wie ein mental starker Gegner. Ich denke hingegen, mentale Stärke kann man lernen.

Mentaltraining beim Billard oder auch: „Tschaka, du schaffst es“?

Genau so oft wird versucht, mentale Stärke zu gewinnen, indem man sich alle möglichen positiven Dinge einflüstert. Du bist gut, du bist stark, du wirst gewinnen. Das Problem ist, dass wir uns diese Botschaften oft nicht glauben und sie uns dann mehr ablenken als helfen.

Ein Stück Holz muss gerade nach vorne

Aber worum geht es bei mentaler Stärke eigentlich ganz praktisch? Es ist doch eigentlich egal, welche Gedanken wir haben, wenn unser Körper im entscheidenden Moment die richtigen Bewegungen macht: ein Stück Holz gerade nach vorne zu bewegen. Positive Gedanken, mentale Stärke sind nur Hilfsmittel, damit der Arm in die richtige Richtung geht. Und der eigentliche Stoß beim Billard nimmt nur einen kleinen Teil der Zeit ein, die wir mit Billardspielen beschäftigt sind. In dieser Zeit muss ich voll konzentriert sein. Wenn ich es schaffe, meine Konzentration in den entscheidenden Momenten zu steigern, bin ich mental stärker.

Wir sind unkonzentriert, wenn wir Gedanken oder Gefühlen Raum geben, anstatt auf die aktuelle Tätigkeit konzentriert zu sein. Das kann der Druck der Spielsituation sein, Lärm um uns herum, Unzufriedenheit mit unserer Technik, Ärger über den Gegner oder auch Sorgen aus dem Beruf oder im Privaten.

Gedanken nicht bekämpfen, sondern ziehen lassen

Seit einigen Monaten meditiere ich mit der App “Headspace”, die es für Smartphones, Tablets und Computer gibt. In der Meditation geht es grundsätzlich um eine Sache: Auf den aktuellen Moment und die aktuelle Tätigkeit konzentriert zu sein. In den ersten Übungen bei Headspace geht es immer darum, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Wenn Gedanken oder Gefühle auftauchen, nimmt man diese zur Kenntnis und lässt sie dann wieder los. Wie, wenn man an einer Straße sitzt und Autos vorbeifahren sieht. Denn Gedanken kommen und gehen; entscheidend ist, wie viel Platz man ihnen einräumt. Gedanken oder Gefühle werden nicht bekämpft und man versucht auch nicht, sie loszuwerden. Stattdessen nimmt man sie einfach zur Kenntnis,  schaut sie sich an und lässt sie dann ziehen.

Auch im täglichen Leben ist die Aufgabe, Dinge mit mehr Achtsamkeit zu machen und sich ausschließlich auf die aktuelle Tätigkeit zu konzentrieren. Beispielsweise ist eine frühe Übung bei Headspace, sich jedes Mal bewusst zu werden, wenn man die Körperhaltung ändert, sich z.B. hinsetzt.

Die Fähigkeit, Gedanken ziehen zu lassen und sich nur auf eine Sache zu besinnen, erlernt man wie jede andere Fähigkeit auch: durch Übung. Anfangs schießen die Gedanken permanent durch den Kopf, und man verliert sich in einem Gedanken. Und nach und nach wird es einfacher, die Gedanken einfach kurz zur Kenntnis zu nehmen und dann wieder zurück zur eigentlichen Aufgabe zu kommen – auf den Atem zu achten.

Beim Billard verleiht uns diese Technik echte Superkräfte. Anders als bei den positiven Selbstgesprächen müssen wir eben nicht irgendwelche Dinge behaupten, die nicht stimmen. Wenn unser Gegner wirklich stark ist, wir letztens wenig trainiert haben oder übermüdet sind, dann glauben wir uns das Gegenteil eh nicht. Wir müssen uns auch nicht verbieten, negative Gedanken oder Gefühle zu haben. Mit der beschriebenen Technik können wir diese Gedanken einfach zur Kenntnis nehmen, abhaken und ziehen lassen. Und uns dann im Moment des Stoßes auf diese eine Sache konzentrieren: ein Stück Holz gerade nach vorne zu bewegen.

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