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„Halte das Handgelenk gerade!“ „Zieh‘ richtig durch!“ „Jetzt reiß‘ Dich mal zusammen!“ Kennst Du diese Anweisungen, womöglich aus Deinem eigenen Kopf? Ich habe kürzlich das Buch „The Inner Game of Golf“ (deutsch: Inner Game Golf) von Tim Gallwey gelesen. Gallwey wurde erstmals bekannt, als er in den 1970er Jahren in „The Inner Game of Tennis“ sein Konzept des inneren Spiels beschrieb. Er war damals Tennistrainer und merkte bald, dass Trainingskonzepte mit vielen verbalen Anweisungen und technischen Korrekturen schlecht funktionierten und seine Schüler überforderten. Er bemerkte vor allem, dass seine Schüler sich – teilweise sehr ruppig – selbst kritisierten.

Wer redet hier eigentlich mit wem?

Gallwey fragte sich: Wer redet hier eigentlich mit wem? Seine Antwort war: Wir haben zwei Persönlichkeiten in uns. Gallwey nannte sie „Selbst 1“ und „Selbst 2“. Selbst 1 ist der, der alles weiß. Selbst 1 hat alle Bücher gelesen, kennt alle technischen und taktischen Kniffe und weiß eigentlich immer, was zu tun ist. Er ist der innere Kritiker. Das Problem nur: Er kann es nicht. Denn die eigentliche Handlung, das Spielen, macht Selbst 2. Selbst 2 weiß eigentlich selbst ganz gut, wie man richtig spielt, wird aber leider von den Anweisungen von Selbst 1 abgelenkt.

Was haben Kritiker und Eunuchen gemeinsam? Sie wissen, wie es geht, aber sie können es nicht. (Siegfried Lowitz)

Ich möchte hier gar nicht zu sehr die Details von Gallweys Konzept beschreiben. Das Buch ist wirklich gut, ich empfehle „The Inner Game of Golf„, da Golf meiner Meinung nach etwas näher am Billard dran ist als Tennis. Viele Aussagen und Erkenntnisse des Buches sind allerdings so allgemein, dass sie sich auf alles mögliche anwenden lassen.

Ein „Lauf“ ist oft vorbei, sobald wir ihn bemerken

Gegen Ende seines Buches bespricht Gallwey ein Phänomen, dass wohl jeder kennt: Wenn es gut läuft, wenn wir führen oder super spielen und wir uns dessen bewusst werden, ist das gute Spiel oft wieder vorbei. Gallwey sagt, in dem Moment, in dem Selbst 1 merkt, dass Selbst 2 super spielt, gibt es Anweisungen: „Jetzt genau so weitermachen!“ „Jetzt bloß nicht nachlassen!“ oder auch „Du spielst besser als Du eigentlich bist!“.

Der Übeltäter: Erwartungen

Gallwey macht als Ursache dafür die Erwartungen aus. Wir haben ständig Erwartungen, wie wir wohl spielen werden. Haben wir letztes Mal gut oder schlecht gespielt? Wird wohl heute wieder so sein. Laufen die ersten zehn Minuten ziemlich schlecht? Wird wohl der ganze Abend im Eimer sein.

Gallwey zweifelt dann an, dass Erwartungen überhaupt irgendeinen Sinn machen beim spielen. Was hilft es mir zu erwarten, dass ich heute besonders gut oder schlecht spielen werde? Ändert das etwas an meinem Spiel? Eher zum schlechten, da es inneren Druck aufbaut, der dazu führt, dass Selbst 2 nicht entspannt sein Spiel spielen kann. Im echten Leben sind Erwartungen oft sinnvoll, zum Beispiel die Erwartung, dass eine rote Ampel irgendwann auf grün springen wird. Die Erwartung hilft uns, nicht einfach bei rot loszufahren. Beim Billard (im Buch natürlich Golf) bringen Erwartungen aber eben nichts.

Die bescheuerte Logik von Selbst 1

Gallwey zeigt zudem einen Widerspruch in Selbst 1′ Logik auf: Wenn wir besonders gut spielen, versucht Selbst 1, uns zu „helfen“, indem es uns warnt: Jetzt nicht nachlassen, schön weiter konzentrieren etc. Es glaubt nämlich, dass es nicht natürlich ist, dass wir so gut spielen, sondern dass es besonderer Anstrengung bedarf, den Status Quo beizubehalten. Wenn wir andererseits schlecht spielen, geht Selbst 1 immer davon aus, dass es auch so bleiben wird, wenn wir nichts ändern. Dann fordert es uns auf, uns besonders Mühe zu geben, uns besonders hart zu konzentrieren, um gut zu spielen. Es geht also immer von der für uns nachteiligen Annahme aus, dass wir eigentlich schlechter spielen und uns besonders anstrengen müssen, um gut zu spielen. Toller Freund.

Wir sollten stattdessen diesen Automatismus anzweifeln: Wenn wir gut spielen, weil Selbst 2 entspannt spielen durfte, gehen wir doch einfach davon aus, dass es so weitergeht. Wenn wir denken, wir spielen besser, als wir eigentlich sind, dann ist das Unsinn. Denn wir spielen doch jetzt gerade so – also sind wir das. Und wenn wir umgekehrt ein paar schlechte Stöße als Zeichen dafür nehmen, dass auch die nächsten Stöße schlecht werden, dann ist das ebenso Quatsch. Selbst 2 weiß, wie es sich selbst korrigieren kann oder wie es richtige Stöße wiederholen kann. Wir müssen es nur lassen und uns nicht von den falschen Erwartungen von Selbst 1 ablenken lassen.

Ohne Erwartungen spielen

Gallwey empfiehlt schließlich, dass wir Erwartungen völlig aus unserem Spiel herauslassen sollten. Stattdessen sollten wir akzeptieren (oder es sogar begrüßen), dass wir nicht wissen, wie es heute laufen wird. Einfach spielen und dann beobachten, was passiert. Ich habe das letztens öfter bemerken können, besonders, wenn ich eigentlich nicht an den Sieg geglaubt habe. Wenn ich offen für Überraschungen war, sind diese auch öfter eingetreten. Wenn ich hinten liege, heißt das nicht automatisch, dass ich auch verlieren muss. Einfach weiterspielen und sich überraschen lassen, was passiert. Das schöne am Spiel ist doch eben, dass es nicht vorhersehbar ist. Das sollten wir genießen.

Ein schöner Nebeneffekt davon ist, dass Selbst 2 freier aufspielen kann und wir tatsächlich besser Billard spielen. Aber Achtung: Lass daraus nicht wieder eine neue Erwartung werden!

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